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Fachliche Artikel zu den Themen Psychologie, Führung & Unternehmenskultur von Dr. Dipl.-Psych. Isabella Paul-Jordanov

Blühende Zweige mit weißen Blüten über einem ruhigen Gewässer.

Netzwerken allein rettet uns nicht. Frauen in Führungsrollen brauchen bessere Systeme.

„Frauen müssen sich nur besser vernetzen und mutiger einfordern.“ Ein Satz, der oft fällt, wenn es um die gläserne Decke in deutschen Unternehmen geht. Doch die Realität zeigt: Die Debatte greift inhaltlich zu kurz. Das Erreichen von Führungspositionen ist für Frauen mit Familie nach wie vor kein reines Motivationsproblem, sondern ein psychologischer und struktureller Hürdenlauf.

Wer Gleichberechtigung auf Quoten reduziert, übersieht die unsichtbaren Bremsklötze – im System der Organisation, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und im Gesetz.

Das unsichtbare Backoffice: Care-Arbeit und Mental Load

Dass Frauen den Großteil der physischen Care-Arbeit leisten, ist statistisch belegt. Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes zur Zeitverwendung leisten Frauen in Deutschland pro Tag im Schnitt rund 43% mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer – ein Phänomen, das als Gender Care Gap bekannt ist (1).

Doch das eigentliche Gewicht liegt oft im Verborgenen: dem Mental Load. Es ist das permanente, unsichtbare Projektmanagement des Familienalltags. Arzttermine koordinieren, Essenspläne für die Woche schmieden, Einkäufe takten, Geschenke für Kindergeburtstage besorgen, das soziale Netz pflegen und vieles mehr.

Dieses kognitive Hintergrundrauschen läuft 24/7. Soziologische Studien zeigen, dass diese kognitive Arbeit („worrying, planning, organizing“) psychisch deutlich belastender ist als die rein physische Ausführung von Aufgaben, da sie das Gehirn nie in den Ruhezustand versetzen lässt (2).

Wenn zu diesem privaten Management-Großprojekt eine berufliche Führungsrolle mit starren Präsenzkulturen kommt, ist das kein „Balancieren“ mehr – es ist eine kaum zu stemmende Doppelbelastung. Es ist kein Zufall, dass Frauen in Top-Positionen oft kinderlos sind oder über ein exzellentes, privates Support-Netzwerk (wie Großeltern vor Ort oder Nannies) verfügen müssen. Unsere Betreuungsinfrastruktur ist schlicht nicht für zwei Vollzeit-Führungskräfte ausgelegt.

Die biologischen Abkürzungen im System

Warum werden Frauen in Führung seltener ausgewählt? Hier schlagen genau die neurobiologischen Denkabkürzungen (Biases) zu, die wir aus der Evolutionsbiologie und der Kognitionspsychologie kennen (3):

  • Der Proximity Bias: Durch familiäre Verpflichtungen arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit oder flexibel aus dem Homeoffice. Unser Gehirn verknüpft jedoch unbewusst „physische Präsenz im Büro“ mit „Leistung und Loyalität“. Wer weniger sichtbar ist, rutscht im Beförderungskarussell unbewusst nach hinten (4).
  • Der Familiarity Bias (auch „Mini-Me-Effekt“): Der Mensch bevorzugt das Vertraute. Da Führungsetagen historisch meist männlich besetzt sind, wählen männliche Entscheider unbewusst eher Profile aus, die ihnen selbst ähneln (5). Das verspricht dem Gehirn weniger Reibung, führt langfristig aber zu homogenen, blinden Teams.

Dazu kommt: Führung wird in Deutschland fast immer noch als 40+-Stunden-Präsenzjob definiert. Top-Sharing oder geteilte Führungspositionen sind rar und kämpfen mit Akzeptanzproblemen, obwohl Studien zeigen, dass Shared Leadership die Resilienz und Innovationskraft von Teams nachweislich steigern kann (6).

Elternzeit als Führungskräfte-Entwicklung

Wir müssen den Blick auf Lebensläufe radikal verändern. Eine Auszeit für Geburt und Kinderbetreuung wird im HR-Kontext oft immer noch wie eine „Lücke“ behandelt. Neuropsychologisch betrachtet ist sie das Gegenteil: Es ist ein rasanter Reifungsprozess. Die neuronale Plastizität des Gehirns verändert sich durch die Elternschaft fundamental – Väter wie Mütter entwickeln durch die hormonelle und strukturelle Umstellung eine gesteigerte Empathiefähigkeit und Stressresilienz (7).

Ein Kind auf die Welt zu bringen und es unter maximaler Verantwortung, Schlafmangel und unvorhersehbaren Krisen bedingungslos zu begleiten, trainiert exakt die Kompetenzen, die moderne Führung braucht: tiefe Empathie, adaptive Problemlösekompetenz, Krisenresilienz und intrinsische Motivation. Care-Arbeit ist also keine Karrierebremse, sondern eine hocheffektive Weiterqualifikation in transformationaler Führung (8).

Der Hebel für echte Parität: Drei Kernforderungen

Wenn wir wollen, dass Frauen paritätisch führen, müssen wir an die Fundamente ran:

  1. Ergebnis statt Präsenz: Produktivität darf nicht mehr an der Anzahl der abgesessenen Stunden gemessen werden. Führung braucht echte zeitliche und örtliche Flexibilität.
  2. Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes: Die starre tägliche Höchstarbeitszeit mit Zeitgrenzen, innerhalb derer man ein- und ausstempeln darf, blockiert moderne Lebensmodelle. Wir brauchen ein Gesetz, das es erlaubt, die Arbeitszeit flexibler zu handhaben, auch an Randzeiten, damit die benötigte Zeit für die Familie bleibt. Um Überarbeitung zu verhindern, könnte es eine Monats- oder Wochenarbeitszeit geben.
  3. Abschied vom „Rabenmutter“-Mythos: Gesellschaftlich bewerten wir Frauen immer noch nach doppelten Standards (9). Arbeitet sie voll, gilt sie schnell als kalte Mutter, die ihr Kind „abschiebt“. Bleibt sie zu Hause, gilt sie als unambitioniert.

Qualität schlägt Quantität

Wir müssen den Begriff der Beziehungsqualität neu definieren – im Privaten wie im Beruf. In der Bindungsforschung ist längst belegt: Eine exzellente Bindung zwischen Mutter und Kind definiert sich über die Feinfühligkeit und Qualität der Interaktion, nicht über die Anzahl der gemeinsam verbrachten Stunden (10). Das Gleiche gilt für eine herausragende Arbeitsleistung im Büro. Es geht um die Qualität der Präsenz, um Fokus und echte Verbindung.

Echte Parität entsteht nicht durch das Verteilen von Quotenplätzen in einem veralteten System. Sie entsteht, wenn wir ein neues System bauen, das die biologische und soziale Realität des Menschen anerkennt.

#WomenInLeadership #MentalLoad #Führungskultur #NewWork #ParentingAndCareer #Unternehmenskultur

Referenzen

(1) Statistisches Bundesamt: Zeitverwendungserhebung (ZVE) 2022.

(2) Daminger, A. (2018): The Cognitive Dimension of Household Labor. American Sociological Review, 83(3), 609–635.

(3) Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.

(4) Bloom, N., et al. (2015): Does Working from Home Work? Evidence from a Chinese Experiment. The Quarterly Journal of Economics, 130(1), 165–218.

(5) Kanter, R. M. (1977): Men and Women of the Corporation. Basic Books.

(6) Drescher, M. A., & Garbers, Y. (2016): Shared Leadership: Ein innovativer Ansatz für die Führung von Teams. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie.

(7) Hoekzema, E., et al. (2017): Pregnancy leads to long-lasting changes in human brain structure. Nature Neuroscience, 20(2), 287–296.

(8) Bass, B. M., & Avolio, B. J. (1994): Improving organizational effectiveness through transformational leadership. Sage Publications.

(9) Eagly, A. H., & Karau, S. J. (2002): Role congruity theory of prejudice toward female leaders. Psychological Review, 109(3), 573–598.

(10) Ainsworth, M. D. S., & Bowlby, J. (1991): An ethological approach to personality development. American Psychologist, 46(4), 333–341.

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